Logbuch 23: Chaos und Katastrophe, Teil 1: der erste Weltkrieg

Aufgrund der angespannten Lage in Korea geistert die Kriegsterminologie wieder herum. Zumindest ist in mir eine gewisse Unruhe nicht zu leugnen, obwohl ich nicht glaube, dass es so weit kommt.

Arnold Böcklin, Der Krieg, 1896. Zürich
In einer Woche wird die Gartenschau in Korea eröffnet. Die Stimmung ist selbstverständlich sehr bedrückt. Die Süd-Koreaner leben scheinbar sorglos weiter, aber jeder ist sich über den Ernst der Lage bewusst. Der Dauerzustand der inneren Unruhe hat sich fast in unseren Genen manifestiert. Man hat im Laufe der Geschichte lernen müssen, mit dem unlösbaren Problem zu leben, der Spielball der Großmächte bzw. Aggressoren zu sein. So war es schon immer, und es scheint diesmal auch nicht anders werden zu wollen. Die Süd-Koreaner vergessen sich lieber in Goldrausch oder "Kangnam-Style", bewahren äußerlich die Ruhe, sie hilft mehr als die Hysterie. 

Wir wollen über Karl Foerster reden. In meiner letzten Post habe ich aus einer Schrift Friedrich-Wilhelm-Foersters eine ganze Passage zitiert. Es handelte sich um eine Begebenheit im Zweiten Weltkrieg
Aber die Auseinandersetzung der Familie Foerster mit dem Krieg begann schon vor dem  ersten Weltkrieg. Die Foersters gehörten zu den wenigen Menschen, die schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges entschieden gegen den Militarismus und Nationalismus wehrten. Der Vater Wilhelm Foerster begründete die "Gesellschaft für ethische Kultur" und seine beiden älteren Söhne, Friedrich Wihelm und Karl waren in den Versammlungen zugegen. Der Vater war auch Mitglied der "Deutschen Friedensgesellschaft". Als er dann auch noch in sozialdemokratischen Versammlungen Vorträge hielt, wandte sich z. B., sein Freund und Maler, Adolph Menzel von ihm ab, mit dem Wort "der versteigert sich zu einem verwegenen Ding." (Renate Feyl. Wilhelm Foerster. in: 3 x Foerster, hrsg. von Mathias Iven. Schibri-Verlag Potsdam 1995. S.53)

Der Bruder Friedrich Wilhelm Foerster wurde schon als Neunjähriger aus der Klasse gewiesen, weil er verweigerte 'Deutschland über alles...' zu singen. Der Lehrer fragte warum, der Junge antwortete, "mein Vater hat gesagt, Deutschland kann nicht über alles stehen, nicht über Ehre, Recht und Gewissen." (Franz Pöggeler. Zwischen Staatsraison und Weltfrieden. Der Kampf Friedrich Wilhelm Foersters gegen Nationalismus und Nationalsozialismus. in: a.a.O. S. 144)
Er promovierte mit einer Arbeit über Kant, wurde aber an den deutschen Universitäten nicht zur Habilitation zugelassen, weil er öffentlich den Kaiser kritisierte, als dieser die Sozialdemokraten verleumdete. Friedrich Wilhelm Foerster wurde für die Majestätsbeleidigung schuldig gesprochen und zu einer 3-monatigen Festungshaft verurteilt. Er saß seine Strafe in Danzig ab und reiste anschließend nach Zürich. Dort konnte er habilitieren. Er wurde später Professor in Zürich, Wien und München.
Ich kann hier nicht die ganze Laufbahn Friedrich Wilhelm Foersters wiedergeben. Obwohl sie sehr beeindruckend war. Der Gedanke des Weltfriedens zieht sich wie ein roter Faden durch sein langes Leben und Schaffen durch. Er hat ziemlich schnell die Gefahr gewittert, die von Hitler ausgeht. Er warnte Europa zum wiederholten Male vor den Braunen, aber nur mit dem Erfolg, dass ihm  von dem nationalsozialistischen Regime die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt wurde und 1933 seine Bücher öffentlich verbrannt wurden. Als Vogelfreier konnte er nur mit einem falschen Pass, den der portugiesische Präsident ausgestellt hatte, über Brasilien in die USA  emigrieren.

Karl Foerster vehielt sich im Grunde nicht viel anders als sein älterer Bruder. Seine Auseinandersetzung mit dem Krieg mag im ersten Augenblick seltsam erscheinen. Er, zweifelsfrei ein Pazifist,  aber zugleich als Ästhet und Mystiker bediente sich einer anderen Sprache als sein Bruder. So wie der Philosoph ein Buch nach dem anderen über Politische Ethik und Weltfrieden veröffentlichte, 'veröffentlichte' Karl Foerster eine Blume nach der anderen. Er vermehrte und züchtete Blütenstauden in großen Mengen, schrieb Artikel über Stauden und Gärten, machte Fotos von einzelnen Blumen und erstellte Katalog mit Hunderten schönen Abbildungen. Er arbeitete wie besessen, nahezu gehetzt, als hätte er einen inneren Termindruck. Die Blumen und Gärten Karl Foersters entsprachen vom Wesen her genau der Friedensterminologie seines Bruders. Vergleichbar mit dem Dichter Hermann Hesse, der seinen Gedanken zum Frieden nur in Versen auszudrücken vermochte. 1914 veröffentlichte er in der Züricher Zeitung "O Freunde, nicht diese Töne". Hesse wurde über Nacht der "Vaterlandsverräter", woraufhin er in tiefste Depression verfiel. Worte sind halt gefährlicher als Blumen.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, war Karl Foerster 40 Jahre alt. Die Staudengärtnerei in Bornim lief erst richtig und der Schaugarten wurde gerade fertiggestellt. Er musste ebenfalls Kriegsdienste leisten. Da er aber mehr oder weniger schon invalid war (chronisches Rückenleiden und Schwerhörigkeit) wurde er zum Ersatzdienst geteilt. Äußerlich stets heiter und strahlend litt er aber unter den schweren Schmerzen und Schlaflosigkeiten. 1916 wurde er 'aufgefordert' (von wem, ist unklar.) ein Gartenbuch für Verwundete und Gefangene zu schreiben. Im Hungerwinter 1916/1917 arbeitete er durch, und im Februar 1917 erschien sein Erfolgsbuch "Vom Blütengarten der Zukunft". 25.000 Exemplare wurden gedruckt und an Verwundete und Soldaten in Gefangenenlagern versandt.

Im Vorwort schrieb er wie folgt:

"Die Menschen in den Lazaretten und Gefangenenlagern, denen dieses Buch zugeeignet ist, werden nicht lächeln über seinen allzu friedlichen, allzu beschaulichen Inhalt, sondern sie werden daran denken, dass sie nach der Rückkehr aus diesem letzten europäischen Kriege die feierliche Tiefe und seelische Nährkraft stiller weltweiter Freuden andächtiger erleben werden, als es jemals auf Erden geschehen ist.
Gerne bin ich der Aufforderung gefolgt, aus meiner besonderen Berufssphäre in Wort und Bild zu erzählen.
(...)
Die Erdenzukunft einer innerlich siegreicheren Menschheit, deren friedliches Heldentum, deren "Zivilkurage" ihrem heutigen militärischen Heroismus ebenbürtig geworden sein wird und seine unvergänglichen Inspirationen in sich aufnahm, wird ein Paradies der Naturbemeisterung und der Naturhingabe werden.
Die Entwicklung der Blutenwelt dieses Gartens Eden ist in neuer Zeit Gegenstand einer immer wachsenden Arbeit geworden, deren Erfolge eine mächtige Verheißung in sich tragen, dass es bei dieser äußeren Ausschmückung allein nicht bleiben wird."

Der Widerhall muss sehr gross gewesen sein. Jahrelang sei ein unglaublicher Segen von Leserbriefen aus allen Kreisen gekommen, so Karl Foerster. 
"Mitten im Brüllen und Trommeln der Somme-Schlacht sprang eines Tages um die Mittagszeit der Pioniergefreite Frowin in meinen nur noch eine recht flache Mulde bildenden Trichter. Keuchend stieß er heraus: 'Herr Leutnant, dieses Buch müssen Sie lesen!' Wie tags zuvor war das Kochgeschirr mit Essen draufgegangen. Das war meine erste Begegnung mit Karl Foerster... In diesem Trichter an der Somme, immer wieder zugedeckt vom zähen Schlamm, ging mir eine neue, völlig neue Welt auf." (Wiepking-Jürgensmann, zitiert in: Ein Garten der Erinnerung. Ulmer 2009. S. 141)
Wiepking-Jürgensmann, Professor zunächst in Berlin und später in Hannover für Garten- und Landschaftsgestaltung schien aber die 'Verheißung der neuen Welt' Foersters nicht vollständig verstanden zu haben. Wiepking genießt heute den Ruf, im Nationalsozialismus ein sogenannter "Nazi-Gartenarchitekt" gewesen zu sein.

Interessant ist, dass Hesse im selben Jahr (1917) den Roman "Demian" veröffentlichte, der ebenfalls von den jungen Menschen, die jubelnd in den Krieg zogen und nun entseelt heimkehrten, als 'Evangelium' gefeiert wurde.


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